Bernhard Minetti  |  Marianne Hoppe  |  Albert Hetterle  |  Käthe Reichel  |  Angelica Domröse  |  Udo Samel
Walter Schmidinger  |  Elisabeth Trissenaar  |  Ivan Nagel  |  Ulrich Mühe  |  Ulrich Matthes  |  Martin Wuttke  |  Martina Gedeck
Gerd Wameling  |  Jutta Lampe  |  Bruno Ganz  |  Eva Mattes  |  Nina Hoss  |  Thomas Thieme  |  Edith Clever
 
 



1994

In Käthe Reichel fand die Alfred-Kerr-Stiftung 1994 nicht nur eine Jurorin, die durch ihre künstlerische Kraft ein Vorbild für die junge Schauspieler-Generation darstellt – sondern auch jenen buchstäblichen „guten Menschen“, den sie 1957 überaus erfolgreich verkörperte. 1926 in Berlin geboren, erhielt Käthe Reichel ohne vorherige Ausbildung erste Engagements in Greiz, Gotha und Rostock, ehe sie 1950 von Bertolt Brecht an das Berliner Ensemble verpflichtet wurde. Hier verkörperte sie in mehr als einem Jahrzehnt große Rollen wie Gretchen (Goethe „Urfaust“), Jeanne d‘Arc (Seghers, „Der Prozess der Jeanne d’Arc zu Rouen 1431“) und Natella Abaschwili (Brecht, „Der kaukasische Kreidekreis“). In letztgenanntem Stück spielte sie – gewissermaßen als Brecht-Botschafterin für Westdeutschland – wenig später in Frankfurt am Main auch die Grusche. Dorthin war sie von Benno Besson verpflichtet worden, der sie auch als Shen Te / Shui Ta in „Der gute Mensch von Sezuan“ und als Titelheldin in Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ besetzte. Dass Käthe Reichel damit ihre erklärte Lieblingspartie gefunden hatte, zeigte sich auch in ihrer Konfrontation mit dem klassischen Repertoire: So entdeckte sie 1960 in Lessings „Minna von Barnhelm“ als Ensemble-Mitglied des Deutschen Theater und unter der Regie von Wolfgang Langhoff ein neuartiges, emanzipiertes Frauen-Bild.

Anderthalb Jahrzehnte später spielte sie in Sarah Kirschs Text-Collage „Lebensläufe“ erneut eine Proletarierin, die laut zeitgenössischer Kritiker-Meinung „nirgends auf der Butterseite des Staates zu liegen kam“. Mit diesem Zitat kann man Käthe Reichels Spiel generell beschreiben: Ihre kräftige, sinnliche Auffassung des Berufes, den sie seit Jahrzehnten freischaffend ausübt, ist immer mit politischem und sozialem Engagement im Geiste ihres Lehrmeisters Brecht verknüpft. Das zeigte sich nicht nur in ihrer Rede zur legendären Demonstration 1989 auf dem Alexanderplatz, sondern sechs Jahre später u.a. auch in der Aktion „Mütter, versteckt eure Söhne“, die Käthe Reichel gemeinsam mit Heiner Müller aus Solidarität für die tschetschenischen Soldatenmütter initiierte. Ihre Alfred-Kerr-Preisträgerin hatte die selbst ernannte „Berufsquerulantin“ ein Jahr zuvor in Karin Beiers Shakespeare-Inszenierung „Romeo und Julia“ gefunden: Die Jurorin Käthe Reichel wählte Caroline Ebner für die Darstellung der weiblichen Titelrolle.