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Walter Schmidinger  |  Elisabeth Trissenaar  |  Ivan Nagel  |  Ulrich Mühe  |  Ulrich Matthes  |  Martin Wuttke  |  Martina Gedeck
Gerd Wameling  |  Jutta Lampe  |  Bruno Ganz  |  Eva Mattes  |  Nina Hoss  |  Thomas Thieme  |  Edith Clever
 
 



2003

Mit Ivan Nagel wurde im Jahr 2003 erstmals ein Juror für den Alfred-Kerr-Darstellerpreis berufen, der die deutsche Theaterlandschaft vor allem durch sein kritisches und kulturpolitisches Engagement entscheidend geprägt hat. Am 28. Juni 1931 in Budapest geboren, erlitt der Sohn eines jüdischen Textilfabrikanten in seiner Jugend das Schicksal doppelter Verfolgung:
Nachdem sich die Familie 1944 vor den Nationalsozialisten in Sicherheit hatte bringen können, musste sie vier Jahre später vor dem kommunistischen Regime in die Schweiz fliehen.

Ivan Nagel studierte nach seinem Abitur Germanistik und Soziologie in Paris und Heidelberg, bis er 1955 – zwei Jahre nach seiner Aufnahme in die Studienstiftung des deutschen Volkes, der er als erster Staatenloser angehörte – als „unerwünschter Asylant“ abgeschoben werden sollte. Eine Intervention seiner Lehrer Carlo Schmid und Theodor W. Adorno verhinderte dieses Unrecht, drei Jahre später nahm Nagel die deutsche Staatsbürgerschaft an und begann als Theaterkritiker für die „Deutsche Zeitung“ zu arbeiten. 1962 holte ihn Hans Schweikart an die Münchner Kammerspiele, wo der junge Chefdramaturg auch unter dem folgenden Intendanten August Everding durch die Zusammenarbeit mit Fritz Kortner und durch die Verpflichtung von Peter Stein für Aufsehen sorgte. Nach einem zweijährigen Intermezzo bei der „Süddeutschen Zeitung“ übernahm Nagel 1972 selbst eine Bühne: Für sieben Jahre wurde ihm mit dem Hamburger Schauspielhaus das größte deutsche Sprechtheater anvertraut, das sich zu diesem Zeitpunkt in einer tiefen Krise befand und in drei Jahren sechs Intendanten verschlissen hatte.

Der neue Hausherr gab Ensemble und Spielplan deutliche Konturen: Er verpflichtete Darsteller wie Barbara Sukowa, Hans Michael Rehberg, Will Quadflieg und Ulrich Wildgruber und engagierte Regisseure wie Luc Bondy, Rudolf Noelte, Claus Peymann, Jérôme Savary und Giorgio Strehler. Mit diesen Protagonisten wurden Uraufführungen von Autoren wie Franz Xaver Kroetz oder Botho Strauß in Szene gesetzt, aber auch Aufsehen erregende Klassiker präsentiert – wobei sich ab 1975 vor allem Peter Zadek als dauerhafter Partner etablierte. Dass Nagels Kurs immer wieder in das Kreuzfeuer der Kritik geriet, weil er vielen konservativen Kreisen zu „links“ war, führte 1978 zu seiner Bitte um vorzeitige Vertragsauflösung. Zum Abschied veranstaltete der Intendant in Hamburg ein Fest, das Folgen haben sollte: Aus seinem „Theater der Nationen“ ging 1981 das Festival „Theater der Welt“ hervor, dessen Gründungs-Direktor Nagel wurde.

Nach einer erneuten Interims-Zeit als Kulturkorrespondent
der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ in New York und einem Forschungsjahr im Berliner Wissenschaftskolleg, dem sich das Buch „Autonomie und Gnade. Über Mozarts Opern“ verdankt, wurde der als Theoretiker wie Praktiker erfahrene Nagel 1985 zum Leiter des Württembergischen Staatsschauspiels Stuttgart berufen – und bewies mit der Verpflichtung der Schauspielerinnen Anne Bennent, Ute Lemper und Susanne Lothar sowie der Regisseure Niels-Peter Rudolph und Jossi Wieler erneut sein Gespür für besondere Begabungen. Dass er sich nach drei Jahren dennoch entschied, die neu geschaffene Professur für Ästhetik und Geschichte der Darstellenden Künste an der Hochschule der Künste in Berlin anzunehmen, war wohl auch dem damit verbundenen Forschungsauftrag zur Französischen Revolution und der Bildenden Kunst geschuldet.

Nach der Wende bewährte sich Ivan Nagel in einer kulturpolitisch heiklen Mission, als er vom Berliner Senat zum Theater-Gutachter bestellt wurde und u. a. die Intendanzen von Frank Castorf in der Volksbühne sowie von Heiner Müller und Peter Zadek am Berliner Ensemble durchsetzte. Aus den dabei gesammelten Erfahrungen resultierte auch die Gründung des „Rates für die Künste in Berlin“, die Nagel 1994 initiierte. Vier Jahre später übernahm er die Schauspiel-Direktion der Salzburger Festspiele, die er aber nach nur einer Saison aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste.

Ivan Nagel, dessen essayistische Interessen Literatur, Theater und Musik gleichermaßen umfassen und der neben Texten über prägende Regisseure des Welttheaters oder über „Goyas nackte und bekleidete Maya“ auch politische Streitschriften publiziert hat, ist für seine Arbeiten vielfach geehrt worden. Als er im Jahr 2003 als Juror gebeten war, den Alfred-Kerr-Darstellerpreis zu vergeben, trafen sich sein Interesse an avancierten Regie-Handschriften und unverwechselbarem Schauspieler-Charakter in einer Person: Er zeichnete Fritzi Haberlandt für ihre Rollen in Arthur Schnitzlers „Liebelei“ (Regie: Michael Thalheimer) und in Fritz Katers „zeit zu lieben zeit zu sterben“ (Regie: Armin Petras) am Thalia-Theater Hamburg aus.