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Grußwort von Judith Kerr zur 11. Preisverleihung am 22. Mai 2005

Meine Damen und Herren,

ich war noch Studentin als mein Vater mit 80 Jahren starb. Damals, 1948, sah die Welt erschreckend aus. Es gab die neue Atombombe, den kalten Krieg und in England immer noch wenig zu essen. Ich weiß, mein Vater war besorgt, was wohl nach seinem Tod aus uns und überhaupt aus dieser Welt werden würde.

Und nun in einem neuen Jahrhundert bin ich selber eine alte Dame geworden und denke fast jeden Tag an ihn. In dieser Welt, die trotz neuer Drohungen so wunderschön geworden ist. Eine Welt mit Essen und Wein, eine Welt in der man beim Autofahren Mozart hört. Eine Welt, in der man nur tagsüber schnell nach New York fliegt und sich während eines Spazierganges mit Menschen in China unterhalten kann.

Auch eine Welt, in der seine Bücher, damals von den Nazis verbrannt und verschollen, wieder Bestseller geworden sind und in der, das hätte ihn besonders gefreut, in der es genau wie damals immer wieder wunderbare Schauspieler gibt. Er hätte das alles so genossen und er wäre glücklich zu wissen, dass wie jedes Jahr, auch heute wieder ein junger Schauspieler in seinem Namen mit einem Preis ausgezeichnet wird. Und darüber bin ich auch glücklich.

So möchte ich allen danken, die diesen Preis ermöglicht haben. Danke dem Tagesspiegel, danke Günther Rühle, Peter von Becker und Ulrich Eckhardt, danke Torsten Maß und Peter Böhme und einen besonderen Dank an Ulrich Matthes. Vielen, vielen Dank an Sie alle im Namen meines Vaters. Nur schade, dass er nicht dabei sein kann.

Originalton

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Grußwort von Judith Kerr zur Preisverleihung am 21. Mai 2006

Meine Damen und Herren,

Bitte entschuldigen Sie es, wenn ich heiser klinge, aber ich habe eine kleine Grippe. Von so einer Grippe wird man ja nicht nur heiser, sondern auch etwas melancholisch. So denke ich jetzt, dass ich der letzte Mensch bin, der meinen Vater wirklich gekannt hat. Bin beinah dreiundachtzig. Wie lange soll das noch weiter gehen?

Ich hab ihn fünfundzwanzig Jahre lang gekannt. In Berlin, als er ein berühmter Schriftsteller war und ich noch ein kleines Mädchen. Und dann auf der Emigration in der Schweiz, in Paris und endlich in London, die letzten zwölf Jahre seines Lebens, als er geldlos und unbekannt in einem kleinen Zimmer lebte. In einem Land, wo die Sprache ihm fremd war. Er war aber immer der Gleiche. Vollkommen ohne Selbstmitleid und mit einem Talent trotz allem, wenn es irgendwie möglich war, doch glücklich zu sein.

In den letzten zwei Jahren war meine Mutter nicht mehr bei ihm – sie verdiente Geld als Dolmetscherin bei den Amerikanern in Deutschland. So war er allein, aber ich habe ihn nach der Zeichenschule abends immer besucht und wir haben uns sehr gut unterhalten. Er sprach oft vom Theater, von besonders guten Vorstellungen, von Schauspielern, die er besonders geliebt hat.
Als er 1948 starb, waren seine Bücher verbrannt und er kann nicht gewusst haben, ob sie je wieder gedruckt würden. Er konnte nicht wissen, dass er eines Tages wieder ein Bestseller werden würde. Und dass aus diesem Bestseller dann ein Alfred Kerr Darstellerpreis geworden ist – eine Auszeichnung für einen besonders begabten jungen Schauspieler. Aber er wäre glücklich gewesen, es zu wissen.

Und so möchte ich allen danken, die das ermöglicht haben. Erst meinem Mann, dessen Idee es war, und dann allen denen, die jedes Jahr so viel dafür tun, die ganze Sache in Gang zu bringen, noch Geld dazu geben, und dann auch immer so gut wählen!
Denn die Schauspieler die den Preis bisher gewonnen haben, haben es ja alle seitdem sehr gut gemacht.
Also an dem neuen Preisträger, wer es auch ist, viel Glück und einen Gruß von meinem Vater.
Nur schade, dass er nicht dabei sein kann.

Originalton

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Grußwort von Judith Kerr zur Preisverleihung am 17. Mai 2009

Meine Damen und Herren,
Jetzt gibt es den Alfred Kerr Darstellerpreis schon 15 Jahre und mehrmals sollte ich ein paar Worte dazu sagen. Wie kann man das tun, ohne sich zu wiederholen? (…)

Also, was kann ich Ihnen heute Neues über meinen Vater sagen?
Ich war fünfundzwanzig, als er starb. Grade fertig mit der Malschule, mit der ganzen Ausbildung. Ohne ernsten boy friend - der Tom (Tom Kneale, BBC-Drehbuchautor und Ehemann von Judith Kerr, redaktionelle Anmerkung) kam erst später. Am Anfang eines Lebens, von dem man nicht wusste, also was wird jetzt?

Mein Bruder und ich teilten damals in London eine kleine sogenannte möblierte Wohnung unter dem Dach. Alles etwas zerbombt, der Schnee drang durch die geschlossenen Fenster in die Zimmer und die Möbel zerfielen, wenn man sie anrührte. Wir mussten sie aber für die ‚landlady‘ speichern, auf einem riesigen Wassertank, der von unserem Badezimmer aus das ganze Haus bediente. Als der Haufen von zerbrochenen Tischen und Stühlen immer höher wurde, fühlte man sich in der Badewanne ernst bedroht.

Mein Bruder, der später ein großer Richter geworden ist, ging jeden Tag aus dieser Wohnung zur Arbeit. Er war schon damals hoch beachtet, wusste genau, was er vom Leben wollte und war weit auf dem Weg, es zu erreichen.

Ich saß zu Hause und zeichnete. Manchmal ging es. Öfter ging es nicht. Ich hatte nie Geld, sah schrecklich aus und wurde schließlich von der ewigen Kälte krank. Mein Bruder und meine Mutter sagten, was soll aus Der werden? Ich wusste es auch nicht. Da hat mir nur mein Vater geholfen. Irgendwie habe ich mich an Gespräche mit ihm geklammert, die mir – manchmal Wort für Wort – in der Erinnerung geblieben waren. Wie er mir einmal plötzlich ganz ausdrücklich sagte: „Du HAST Talent.“ Und wie ich ihn einmal verzweifelt fragte: „Warum mache ich das überhaupt? Ich könnte doch als Sekretärin sehr anständig Geld verdienen.“ Und er sagte: „Weil du dann immer etwas weniger von dir selbst halten würdest.“ So habe ich eben diese Zeit überlebt. Bis ich dann doch ein bisschen Erfolg hatte und eines Tages in der BBC Kantine den Tom kennengelernt habe. Viele Jahre später hat Tom den Alfred Kerr Darstellerpreis erfunden, den wir heute feiern.

Und noch heute, einundsechzig Jahre nach dem Tod meines Vaters, erinnere ich mich an Gespräche mit ihm. Ich erfinde auch neue Gespräche. Wenn ich eine wichtige Entscheidung machen muss, stell ich mir vor: „Was würde er sagen?“ Ich glaube es immer zu wissen.

Aber alles habe ich doch nicht gewusst. In den Büchern, die ich in den siebziger Jahren über meine Kindheit schrieb, habe ich ihn genau so geschildert, wie er mir in der Erinnerung war. Ein wundervoller, etwas unpraktischer Mensch, der in England langsam den täglichen Kampf für die Existenz aufgab und ihn meistens meiner Mutter überließ, während er Verse schrieb. Genau so haben mein Bruder und ich ihn damals gesehen. Mein Vater hatte einmal irgendwo eine Art Motto für sich geschrieben: ‚Kämpfer sein und Melodie‘. In dieser Zeit schien er uns nicht als Kämpfer.

Aber da kam eines Tages, Jahre später, eine Dame aus Kanada. Sie wollte eine These schreiben. „Alfred Kerr und die BBC“. Wir sagten: „Da werden Sie nicht viel finden. Glauben Sie, die haben das überhaupt noch?“, denn die Deutsche Abteilung für Propaganda hat während des Krieges kaum etwas von meinem Vater geschickt.

Sie hatten es.

Ein riesiger Kasten voll. Briefe an die BBC von meinem Vater. Vorschläge, Schriften, Verse. Manchmal zwei-, dreimal in der Woche. Manchmal stand am Morgen irgendetwas in der Zeitung, da hatte er schon nachmittags ein paar witzige Verse darüber geschrieben und sie der BBC persönlich überliefert. Mit wenig Erfolg. Aber WIE hat er damals immer noch für uns gekämpft! Aber er hat nie darüber gesprochen und so wussten wir es nicht.

Er war bis zum Ende ein Kämpfer. Bis er 1948 mit 80 Jahren, zum ersten Mal im Flugzeug, nach Hamburg kam, um über das deutsche Theater zu schreiben. Bis zu dem letzten, schweren Schlaganfall, nachdem er sich, allein in einem Hamburger Krankenhaus, das Leben nahm.

Ich habe ihn sehr geliebt.
Und ich danke Allen, die es mir durch den Alfred Kerr Darstellerpreis ermöglicht haben, noch einmal von ihm zu sprechen.

Portrait Judith Kerr von Oliver Kranz, gesendet im RBB Kulturradio am 19. Mai 2009

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Grußwort von Judith Kerr zur Preisverleihung am 20. Mai 2012

Meine Damen und Herren,

was soll ich Ihnen Neues über meinen Vater sagen? Ich war fünfundzwanzig, als er starb. Nächstes Jahr werde ich neunzig, und so bin ich jetzt der letzte Mensch auf der Welt, der ihn gekannt hat. Das ist eine Verantwortung. Andere haben ihn als großen Schriftsteller gekannt. Für mich war er ein Vater und vor allem ein Mensch: Erst in Berlin, als ich ein kleines Mädchen war, und dann auf der Emigration in der Schweiz, in Paris und endlich in London. In den letzten zwölf Jahren seines Lebens, als er geldlos und unbekannt in einem kleinen Zimmer lebte, in einem Land, wo die Sprache ihm fremd war.

Er war aber immer der Gleiche. Vollkommen ohne Selbstmitleid und mit einem Talent trotz allem, wenn es irgendwie möglich war, doch glücklich zu sein.

In den letzten Jahren war meine Mutter nicht mehr bei ihm - sie verdiente Geld als Dolmetscherin bei den Amerikanern in Deutschland. So war er allein, aber ich habe ihn nach der Zeichenschule abends immer besucht, und wir haben uns sehr gut unterhalten. Er war ein Perfektionist, und wenn ich jetzt eine Zeichnung zum zehnten Mal wiederhole, dann tröstet mich der Gedanke, dass mein Vater seine Werke korrigiert hat, nicht nur nachdem sie schon gedruckt waren, sondern sogar, nachdem die Nazis sie verbrannt hatten. Von Mozart sagte er, irgendetwas ganz Berühmtes, das hätte er achtmal umkomponiert. So hat er mich ermutigt, wenn ich an meinem Talent zweifelte. Er wusste ja so viel. Wir sprachen von Malerei und vom Schreiben. Und natürlich sprachen wir oft vom Theater. Er erzählte von besonders guten Vorstellungen, von Schauspielern, die er besonders geliebt hat.

Als er 1948 starb, kann er nicht gewusst haben, ob seine Bücher je wieder gedruckt würden. Er konnte nicht wissen, dass sie eines Tages wieder ein Bestseller werden würden. Und dass aus diesen Bestsellern dann ein Alfred Kerr Preis geworden ist - eine Auszeichnung für einen besonders begabten jungen Schauspieler. Aber er wäre glücklich, es zu wissen.

Und so möchte ich allen danken, die das ermöglicht haben. Erst im Gedächtnis an meinen Mann, dessen Idee es damals war, und dann allen denen, die jedes Jahr so viel dafür tun, die ganze Sache in Gang zu bringen und noch Geld dazu geben. Und dann noch so gut wählen!

Also, dem jungen Schauspieler, der heute den Preis gewinnt, viel Glück und einen Gruß von meinem Vater! Nur schade, dass er nicht dabei sein kann.

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Rede von Judith Kerr
Gehalten am 17. Mai 2013 im Berliner Rathaus
Anlässlich der Eintragung in das Gästebuch der Stadt

Meine Damen und Herren,

Ein paar Jahre vor seinem Tod schrieb mein Vater über die Emigration: "Ich wäre sonst als Schriftsteller in Berlin geblieben bis zum neunzigsten Geburtstag und hätte dann auf einem Bankett scheu die Ehrungen abgewehrt."

So fühle ich mich heute als seine Vertreterin.

Er hat es nur bis achtzig gebracht. 1948 hat die Englische Control Commission ihn nach Hamburg geschickt, um wieder in Deutschland Theaterkritiken zu schreiben.
Er flog zum ersten Mal und fand das herrlich. Es gab ein großes Essen, sicher mit Ehrungen, obgleich ich nicht weiß, wie scheu er sie abgewehrt hat. Dann abends ins Theater, wo die Zuschauer applaudierten, als er eintrat. Man spielte "Romeo und Julia", es war nicht besonders gut, und dann in der Nacht im Hotel bekam er einen Schlaganfall. Ein deutscher Journalist fand ihn am Morgen. Er lag am Boden, schwer gelähmt, aber er konnte sprechen. Er sagte: "Es ist ein Schlaganfall. Aber es war nicht die Aufführung. Sie war schlecht, aber so schlecht war sie auch nicht."
Einige Wochen später, als es keine Besserung gab, nahm er sich das Leben.

In der dunklen Zeit des Kalten Krieges bevor er starb, konnte er nicht ahnen, dass die Welt einmal wieder so schön werde. Er schrieb mir einmal, "Du MUSST glücklich werden. "Das habe ich dann auch getan, aber er konnte nicht ahnen, WIE glücklich ich wurde. Und er konnte nicht ahnen, dass ich, selber beinahe neunzigjährig, ihn heute in Berlin bei einem wunderbaren Bankett vertreten darf.

Und vor allem konnte er nicht ahnen, dass zu diesem Bankett aus Rom noch ein Schriftsteller kommen würde. Einer, der in England alle Preise gewinnt und um dessen Bücher sich Verleger (auch in anderen Ländern) schon vor der Veröffentlichung reißen.
Und was am Wichtigsten ist, es sind Bücher, von denen ich weiß, dass sie meinem Vater sehr gut gefallen hätten. Matthew Kneale. Sein Enkelsohn. Cheers, Matt!

Vielleicht weiß es mein Vater. Vielleicht schaut er uns grade zu. Und so wollen wir ihm zutrinken. Bon soir, papa!