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2005

Von Ulrich Matthes 2005 gewählt
für die Rolle der Kriemhild in Hebbels „Nibelungen“,
Münchner Kammerspiele, Regie Andreas Kriegenburg

Biografisches
Geboren 1973 in Husum, Ausbildung von 1993 bis 1997 an der Hochschule der Künste in Berlin. Engagements am Schauspielhaus Hannover (1997-1999), am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg (ab 2000) und seit der Spielzeit 2005/2006 an den Münchner Kammerspielen. 2003 Boy-Gobert-Preis für besondere künstlerische Leistungen, 2005 Alfred-Kerr-Preis und Schauspielerin des Jahres der Zeitschrift „Theater heute“

Prägende Rollen
Caliban (Der Sturm), Hannover; Ellida Wangel (Die Frau vom Meer), Ariel, Prinzessin Lena (Leonce und Lena), Deutsches Schauspielhaus Hamburg; Brunhild, Nibelungen-Festspiele Worms; Hedda Gabler, Deutsches Schauspielhaus Hamburg: Kriemhild, Münchner Kammerspiele


Über Wiebke Puls

Als Ellida (Die Frau vom Meer), Brunhild („Nibelungen“-Festspiele):

Sie ist die Frau vom Meer. Nur im Wasser würde sie sich verlieren wollen, unten bei den Nixen, den Undinen... Von allen Rollen ist Ellida die ihr am nächsten stehende Figur, eine gestrandete Meerjungfrau, die nicht mehr ins nasse Element zurückzugleiten vermag...Im Sommer hat sie eine Frauenfigur gespielt, die Souveränität aus der Stille, der Unbeweglichkeit holt: Brunhild bei den „Nibelungen“-Festspielen in Worms, „bei ihr ist jeder Schritt ein Tigergang“, das imponiert.
Hella Kemper in „Die Welt“, 2. Dezember 2003

Als Kriemhild „Die Nibelungen“:

„Schwarz gewandet, ragend groß, zeigte Wiebke Puls als Kriemhild die verstörende Wandlung vom naiven, anmutigen Mädchen zu einer keiner menschlichen Regung mehr zugänglichen mythischen Rächerin. Diese schrankenlose Leidenschaft aus eiskaltem Kalkül aber entlarvte voller Grimm das dumme, planlose Metzeln der Männer. Wiebke Puls erhielt aus der Hand des Jurors Ulrich Matthes nur zu Recht den Alfred-Kerr-Darstellerpreis.“
Christoph Funke, Neue Zürcher Zeitung, 25.5.05


Still und furios,
Laudatio auf Wiebke Puls von Ulrich Matthes, gehalten am 22. Mai 2005 im Haus der Berliner Festspiele


Während meiner zwei Wochen als Juror beim Theatertreffen habe ich immer wieder gedacht: Gottseidank bin ich kein Theaterkritiker! Nicht weil mir die Aufführungen nicht gefallen hätten, da gab es Erfreuliches und Enttäuschungen wie jedes Jahr, sondern weil ich nicht darüber schreiben muss! Weil ich mich meinen Eindrücken, meinen Assoziationen und Gefühlen überlassen kann, ohne sie anschließend formulieren zu müssen.

Ich habe vor kurzem bei meiner Dankesrede für den Eysoldt-Ring beklagt, dass Kritiker kaum noch die Arbeit von Schauspielern beschreiben können. Es ist tatsächlich schwer, habe ich jetzt gemerkt. Und zwar deshalb, weil ich gerade in den glückhaften Augenblicken einer Vorstellung den kühleren, professionellen Blick vergessen möchte und mich ganz direkt bewegen, anregen, berühren lassen möchte. Und gerade das Fluidum, die Erotik, die Aura eines Schauspielers, einer Schauspielerin entzieht sich eben bis zu einem gewissen Grad der Ratio und damit der Beschreibbarkeit. (…)

In fünfeinhalb Stunden kann einem ja besonders viel durch den Kopf gehen: ich fand Andreas Kriegenburgs „Nibelungen“ einen hoch anregenden und – das ist ja keine Schande – unterhaltsamen Theaterabend. Über seine Neigung zu Kalauern kann man streiten. (…) Aber – heute – egal! Es geht hier um eine Schauspielerin, von der ich vor diesem Abend immer wieder gehört, sie aber noch nie gesehen hatte: Wiebke Puls. (…)

Sie ist 31, erfüllt also gerade noch eine der Kerr-Preisträger-Kriterien, war sechs Jahre am Hamburger Schauspielhaus engagiert, dort kennt man sie also. In Berlin noch nicht. Das wird sich, hoffentlich, ändern.

Diese Schauspielerin ist tollkühn. Sie wirft sich mit einer Radikalität des Gefühls in die Kriemhild, dass mir zwischendurch das völlig abgeschaffte Wort „Tragödin“ durch den Kopf blitzte. Schönes Wort, warum gibt’s das nicht mehr? Weil niemand mehr Tragödien schreiben kann – und will? Vielleicht sollte man mal einen Wettbewerb für eine Tragödie ins Leben rufen, ich wäre sehr gespannt auf das Ergebnis. In der Realität gibt es sie ja noch, zumindest verkleidet als Bürgerliches Trauerspiel. Außerdem gibt es noch Menschen, die sie spielen könnten, nämlich Wiebke Puls.

Sie ist in ihrer radikalen Entäußerung uneitel – vielleicht in manchen Rollen sogar bis zur Sprödigkeit, kann ich mir vorstellen, und ganz ohne Manierismen: eine hohe Tugend. Ihr Formbewusstsein führt sie an der langen Leine, das macht den Hebbel leichter, intuitiver, weniger streng.
Und: sie hat, und das macht die Sache besonders spannend, Humor. Sie ist in der Lage (…) aus ihren aberwitzigen Hochemotionen „abzutauchen“ in Witz und Spiel und Laune. (…) Sie hat für ihre geschätzten 1,85 viele verblüffend elegante, sehr persönliche, manchmal übrigens auch hier humorvolle körperliche Ausdrucksformen gefunden. Sie ist gedanklich äußerst konzentriert und dicht dran an der schwierigen Sprache Hebbels, und trotzdem gelingt es ihr immer wieder, die Sprache gleichsam zu knacken, sie gewissermaßen von sich selbst zu befreien, Hebbel zu entkrampfen. (…)

Sie ist eine Extremistin der wahren Empfindung.
Sie kann ganz still sein und buchstäblich: furios.
Sie ist auf eine sehr persönliche, mutige Weise als Kriemhild das, was Alfred Kerr eine „leuchtende Seelenschauspielerin“ genannt hat.

Ich gratuliere Ihnen zum Alfred-Kerr-Preis von Herzen.