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2007

Von Martina Gedeck 2007 gewählt
für die Rolle der Lucy in Ferdinand Bruckners „Krankheit der Jugend“, Inszenierung Tilmann Köhler, Deutsches Nationaltheater Weimar.

Biografisches
Julischka Eichel, geboren 1981 in Tübingen, Studium an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, Berlin, einige Rollen im Film und Fernsehen. Im Deutschen Nationaltheater Weimar ist sie als Lucy in „Krankheit der Jugend“ von Ferdinand Bruckner, Regie Tilmann Köhler, zu sehen. Zurzeit spielt sie in Maxim Gorki Theater Berlin „herr tod lädt nicht ein aber wir kommen trotzdem“ von Nora Mansmann in der Inszenierung von Tilmann Köhler.

Ergreifend unmittelbar hat Julischka Eichel die Lucy in Ferdinand Bruckners „Krankheit der Jugend“ am Deutschen Nationaltheater Weimar gespielt – und diese Unmittelbarkeit gab den Ausschlag für die Zuerkennung des Alfred-Kerr-Darstellerpreises durch Martina Gedeck. In der Laudatio der Jurorin heißt es: „Mit Leichtigkeit und Virtuosität lässt Julischka Eichel alle Spielarten der Liebe kaleidoskopartig vor den Augen der Zuschauer aufscheinen. Schier unerschöpflich scheint ihre schauspielerische Phantasie, mit der sie das Zentrum, das Wesen ihrer Lucy zum Leuchten bringt. Ungewöhnlich groß die Spannweite, die sie dieser Figur verleiht.“
1981 in Tübingen geboren und an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin ausgebildet, gehört Julischka Eichel zu einer Generation junger Schauspielerinnen, für die Naivität und Selbstbewusstsein keine Gegensätze sind, sondern einander bedingen. Noch einmal Martina Gedeck: „Sie verschafft dieser Figur Gegenwart, legt Zukünftiges an, lässt Vergangenes aufblitzen und entwickelt sie damit in die Zeitlosigkeit hinein. Ein großer Zauber ist ihr zu eigen, ein inneres Leuchten geht von ihr aus.“ Von ungefähr kommt dieser Zauber nicht. Julischka Eichel hat schon viele große Rollen gespielt, an der Schauspielschule – Luise und Lady Macbeth, die Karoline in Horváths „Kasimir und Karoline“, die Rita in Thomas Braschs „Lovely Rita“ und viele andere. Auch in Film und Fernsehen ist sie längst entdeckt, auch wenn hier die ihr gemäßen Aufgaben erst noch kommen werden. Das „große“ Theater jedenfalls hat Julischka Eichel auf Anhieb erobert, mit zwei ganz gegensätzlichen Rollengestaltungen. Die „Sie“ in „herr tod lädt nicht ein aber wir kommen trotzdem“ von Nora Mansmann (Studio des Berliner Maxim Gorki Theaters) war ein Mädchen mit pubertär aggressiver Gestik, mit verdrängter Anmut und unterdrückter Zärtlichkeit. Die Lucy dagegen, wie von Martina Gedeck anschaulich und liebevoll beschrieben, verkörperte sie mit geradezu verführerischem Reichtum: kindlich verspielt, melancholisch-elegant und triebhaft sündig.
Dem Berliner Maxim Gorki Theater wird Julischka Eichel treu bleiben – von der Spielzeit 2007/2008 an gehört sie zum festen Ensemble. Bei der RuhrTriennale 2007 spielt sie in der Duisburger Gebläsehalle in „Courasche oder Gott lass nach“ von Wilhelm Genazino mit Barbara Nüsse und Anna Franziska Sma die in drei Lebensaltern auftretende Courasche. Eine Schauspielerin ist auf dem Weg, „mit dem ganzen Frauenwissen im Körper“ – um Martina Gedecks Laudatio kommt man nicht herum.

Laudatio auf Julischka Eichel zum Alfred-Kerr-Darstellerpreis beim Theatertreffen 2007 in Berlin am 20. Mai 2007.
Sehr verehrte, liebe Judith Kerr, verehrter Günter Rühle, lieber Herr Sartorius, liebe Iris Laufenberg, lieber Peter von Becker, lieber Torsten Maß, lieber Peter Böhme, meine Damen und Herren.

Es ist mir eine große Freude, den diesjährigen Alfred-Kerr-Darstellerpreis heute hier verleihen zu dürfen. Aufgabe war, die eindrücklichste Darbietung eines jungen Schauspielers (ich sage hier der Einfachheit halber „Schauspieler“, das schließt die „Schauspielerin“ natürlich mit ein) zu entdecken, der am Anfang seines Schaffens steht, und diesen Aspekt bedenkend, habe ich mich die letzten 14 Tage auf Entdeckungsreise begeben und habe mich in eine ganz ungewohnte, fremde Position begeben, nämlich in die des Beobachtenden, Abwägenden, Beurteilenden, in die Position des Kritikers, wenn man so will.
Und ein bisschen habe ich versucht, dem wunderbaren Alfred Kerr über die Schulter zu schauen dabei und ihn mit seinem lebens- und theaterbejahenden Blick Leitung sein zu lassen.

Nun ist der Alfred-Kerr-Preis kein gewöhnlicher Theaterpreis, der die größte schauspielerische Leistung des Festivals belohnt. Er ist ausdrücklich ein Preis für den sogenannten Nachwuchs. So wunderbare Schauspieler wie Hans Löw, Sandra Hüller, Christiane von Poelnitz oder Joachim Meyerhoff musste ich also unberücksichtigt lassen und mich statt dessen auf die Suche machen nach einem Schauspieler, der auf der Schwelle steht, der noch nicht auf den großen Bühnen Deutschlands und der Welt zu Hause ist, sondern dem dieser Preis dazu verhelfen soll.

Im „Pariser Tageblatt“ 1937 heißt es über Kerr und die Jugend: „Die Jugend (es handelt sich hier um die radikale bürgerliche Jugend um 1910, aber ich übertrage das Politische mal aufs Theater, ich denke, das ist statthaft) fand in Kerr nicht nur ihren Beschützer und Förderer, sondern empfing von ihm den Pulsschlag, den Drang loszugehen...... Er schuf in jedem Fall Bewegungsmöglichkeiten, Bewegungsfreiheit. Man empfing von ihm das Selbstbewusstsein, sich nicht zu fürchten, die Fesseln der Konvention zu sprengen, sich außer Reih’ und Glied zu stellen“.
In diesem Sinne bin ich fündig geworden.

Ich möchte den Alfred-Kerr-Darstellerpreis der jungen Julischka Eichel verleihen für ihre Rolle der „Lucy“ in „Krankheit der Jugend“. Und möchte die Belobigung mit Kerr beginnen, der das, was einem da begegnet, so schön beschreibt in einer Kritik vom November 1932:
„Nachwuchs: Die junge ....... tritt nach vorn.
Mit Anmut,
unbekümmert,
unversehrt,
unbefangen.
Als wäre kein Publikum da.
Dies ist der Weg.
Ein Gesicht hat sie auch. Also“

Das Spiel der Julischka Eichel scheint mir ganz außergewöhnlich zu sein. Ihre Lucy (das Mädchen Lucy liebt Herrn Freder, der sie benutzt und schließlich auf den Strich schickt) ist von verstörender Unmittelbarkeit. Mit Leichtigkeit und Virtuosität lässt diese Schauspielerin alle Spielarten der Liebe kaleidoskopartig vor den Augen der Zuschauer aufscheinen. Schier unerschöpflich scheint ihre schauspielerische Phantasie, mit der sie das Zentrum, das Wesen ihrer Lucy zum Leuchten bringt. Ungewöhnlich groß die Spannweite, die sie dieser Figur verleiht: Als Verliebte ein Kind, fassungslos erstaunt über die Wucht der Gefühle, die Besitz von ihr ergreifen, ungebärdig im Körper, von überbordender Kraft und die ganze Welt umarmend. Als Hure melancholisch-elegant, das ganze Frauenwissen im Körper, eine Frau von Welt, gänzlich von aller Welt getrennt. Sie verschafft dieser Figur Gegenwart, legt Zukünftiges an, lässt Vergangenes aufblitzen und entwickelt sie damit in die Zeitlosigkeit hinein.
Ein großer Zauber ist ihr zu eigen, ein inneres Leuchten geht von ihr aus.
Das schauspielerische Instrumentarium steht ihr wie selbstverständlich zur Verfügung.
Sie ist persönlich, aber nie privat.
Ihr Spiel ist geführt und gleichzeitig selbstvergessen.

Es zeichnen sich große Möglichkeiten ab, es bleibt mir nur, toi-toi-toi zu sagen.

Und zum Schluss noch einmal Alfred Kerr zu Wort kommen zu lassen mit einer rückblickenden Zukunftsprognose über die junge Schauspielerin aus seiner Kritik 1932, die auch hier gelten soll:
„Nie seitdem hat sie versagt. Allemal ist sie gewachsen. Immer ein Glück.“

Martina Gedeck