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2012

Von Nina Hoss 2012 gewählt für seine darstellerische Leistung in René Polleschs Inszenierung „KILL YOUR DARLINGS! STREETS OF BERLADELPHIA".

Biografisches

Der 1976 in Hamburg geborene Schauspieler begann zunächst Jura zu studieren, wechselte aber dann an die Westfälische Schauspielschule Bochum. Nach dem Abschluss des Studiums war er von 2000 bis 2005 Ensemblemitglied der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin. Hier trat er unter anderem in den Stücken „Paul und Paula", „Endstation Amerika", „Forever Young" und „Atta, Atta" auf.

In der Saison 2005/2006 war er bei den Münchner Kammerspielen in „Iphigenie auf Tauris" zu sehen, in der Spielzeit 2010/2011 ebenda in dem Stück „XY Beat" von René Pollesch.

2007/2008 trat er in Schorsch Kameruns Projekt „Biologie der Angst" im Schauspielhaus Zürich auf. Im Rahmen der Wiener Festwochen 2009 spielte er in Schorsch Kameruns „Bei aller Vorsicht" den Profi aus Deutschland.

Seinen ersten Filmauftritt hatte er in der 2003 gedrehten und 2004 uraufgeführten schwarzen surrealen Komödie „Schussangst" in der Hauptrolle des Lukas Eiserbeck. 2005 folgte als eine seiner bekanntesten Rollen die des Hans Scholl im Oscar-nominierten Spielfilm „Sophie Scholl - Die letzten Tage".

Für die Rolle des Bankers Frederick Feinermann im Film „Schwerkraft" erhielt Fabian Hinrichs 2010 beim Filmfestival Max Ophüls Preis den Sonderpreis Schauspiel.

2010 trat Hinrichs in der Berliner Volksbühne im Solostück „Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!" von René Pollesch auf, mit dem erneut bei der Inszenierung von „Kill Your Darlings! Streets of Berladelphia" zusammen arbeitete.

Fabian Hinrichs ist Mitglied der Europäischen Filmakademie.



Laudatio auf Fabian Hinrichs, gehalten am 20. Mai 2012 von Nina Hoss im Haus der Berliner Festspiele.

Das fing ja gut an. Am ersten Tag des Theatertreffens bekomme ich die Nachricht, dass meine ehemalige Schauspielschule Ernst Busch den ihr zum wiederholten Male zugesprochenen und dringend notwendigen Neubau nicht bekommen soll. Im letzten Moment abgesagt. Eine der renommiertesten Ausbildungsstätten, die den Nachwuchs zu selbstständig denkenden und selbstbewussten Schauspielern ausbildet, war in ihrer Existenz bedroht, und ich sollte nun den Preis für den besten schauspielerischen Nachwuchs vergeben!

Wo soll der denn in Zukunft herkommen, wenn so unverantwortlich und nachlässig mit der Ausbildung junger Kulturschaffender umgegangen wird? Aber die Politikerinnen und Politiker haben nicht mit der Kraft der Studenten gerechnet.

Sie haben in der folgenden Woche großartig, mit beachtlichem Durchhaltevermögen und viel Kreativität um ihre Ausbildungsstätte gekämpft, und mit geballter Kraft und mit der Hilfe vieler Kulturschaffender und Journalisten konnte eine Wende herbeigeführt werden. Das ließ mich wieder aufatmen, und ich konnte mich ganz meiner Aufgabe widmen. Was wiederum nicht ganz einfach war dieses Jahr.

Ich habe mehrere junge Talente gesehen, bei denen ich etwas ahnen konnte von ihrer Kraft, ihrer Leidenschaft fürs Spielen, ihrer Eigenheit. Aber oftmals waren die Aufgaben nicht so groß oder die Setzung des Regisseurs oder der Regisseurin so stark, dass die Eigenheit und Besonderheit des Spielers sich nicht genügend Raum schaffen konnte.

Dennoch gab es da Momente, die ich nicht unbenannt lassen möchte. Der Moment im „Faust“, in dem mich plötzlich eine Stimme im Mark berührt. Es ist die zarte, klare und durchdringende Stimme von Birte Schnöink als Homunkulus, die mich aufhorchen ließ und die sich später ganz pur und offen und umwerfend komisch als kleines Mädchen in mein Gedächtnis einschrieb.

Dann natürlich „Die Spanische Fliege“, die mir vor Lachen Tränen in die Augen trieb. Hier fiel es mir schwer, einen jungen Nachwuchsdarsteller herauszupicken, da alle – von Bastian Reiber über Christoph Letkowski bis hin zu Inka Löwendorf – ihre Sache mit so viel Verve, Mut zum Risiko, Lust am Nonsens, gepaart mit großem komödiantischem Talent, gemacht haben. Oder Ida Müller in „John Gabriel Borkman“ als Erhart, die mich mit ihrer Körperlichkeit in den Bann zog. Irgendwann habe ich mich gefragt: Wie mache ich das jetzt? Worauf kommt es mir wirklich an?

Ich wollte etwas entdecken, was mich überrascht. Etwas oder besser: jemanden, zu dem mein Bauch sofort „ja!“ sagt. Und dann erst wollte ich darüber nachdenken, was da eigentlich gerade mit mir passiert ist und warum. Ich habe mich dazu entschieden, den Nachwuchsbegriff etwas zu erweitern, denn Nachwuchs im eigentlichen Sinne ist der diesjährige Preisträger wahrscheinlich nicht mehr. Und auf der anderen Seite eben doch: Denn er verspricht noch so viel.

Was interessiert mich an diesem Beruf des Schauspielers? Was fasziniert mich, wenn ich da unten sitze und Menschen bei dieser erstaunlichen Arbeit zusehen kann? Diese Momente der Wahrheit, der Echtheit, der Unvorhersehbarkeit, der absoluten Neugier auf das Leben mit all seiner Komplexität und Widersprüchlichkeit. Etwas nicht Greifbares, sich meiner Ratio Entziehendes. Ein Wunder, welches in den besten Momenten auf der Bühne entstehen kann, weil diese Momente einmalig sind und nicht wiederherzustellen und man sie in diesem Augenblick mit anderen teilt. Um diese Momente zu erwischen, bedarf es einer großen Offenheit und auch Unabhängigkeit und Sicherheit im Spiel. Und diese Momente habe ich gleich in der ersten Inszenierung, die ich für das Theatertreffen gesehen habe, erleben können.

Es war „Kill your Darlings!“ von René Pollesch an der Volksbühne und der diesjährige Preisträger des Alfred-Kerr-Darstellerpreises ist: Fabian Hinrichs. Hinrichs hat etwas Außergewöhnliches. Ich habe jemandem zusehen können, der eine solche Eigenart besitzt, dieses Ungreifbare und dadurch so „Gefangennehmende“. Ein Mensch mit Haltung, einem Selbstverständnis, der sich ganz meiner Einordnung entzieht und von dem man immer mehr auf der Bühne sehen will, weil er einen „entdecken“ lässt.

Er macht mir einen Vorschlag zum Nachdenken und dabei belehrt er mich kein einziges Mal. Ich darf ihm beim Verfertigen seiner Gedanken zusehen und kann mit ihm auf diese Reise gehen. Dabei ist er ganz und gar nicht harmlos. Im Gegenteil. Ich sehe zum Beispiel einer Turnstunde zu, die einen „Mehrwert“ braucht, weshalb Fabian Hinrichs sich in ein Krakenkostüm begibt, die Lichter flackern und Diskomusik in den Raum dröhnt. Er wiegt mich hier für Augenblicke in Sicherheit, ich kenne mich aus, verstehe worauf das alles hinzielt und denke, ich kann mich wappnen. Und im nächsten Moment stellt er ein „Warum machen wir das?“ in den Raum, von dem man sich erst mal erholen muss, da es mit so einer ehrlichen Verzweiflung, fast kindlich und dann auch seltsam erschöpft vom Leben auf einen niederfährt.

Genauso wie sein „Früher haben sich die Menschen doch mal aus Liebe umgebracht“. Völlig unvermittelt kommt das, wenn er hier von der fehlenden Leidenschaft und Hingabe spricht. Von diesem Wahn, alles einzuordnen und erklärbar zu machen, damit es sich vermeintlich besser aushalten lässt und der den Zugang zu unseren Impulsen und echten leidenschaftlichen Gefühlen versperrt. Bei denen man sich zwar verrennen kann, die einen aber das Leben spüren lassen. Das Frappierende daran ist die Ehrlichkeit und Purheit.

Er spielt mit einer großen Körperlichkeit, immer in Bewegung, dabei nie hektisch, aber immer auf der Suche. Er ist geschmeidig und selbstverständlich auf der Bühne. Er kann übergangslos vom Witzigen ins Traurige, ins Verzweifelte springen. Er spielt mit dem Publikum mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit und Selbstsicherheit und bleibt dabei gänzlich uneitel. Er hält sich aus, muss nicht „nachdrücken“, um sich verständlich zu machen. Er scheint unabhängig von unserem Zuspruch und gerade dadurch hat er den Zuschauer in der Hand. Ein kluger, intelligenter, instinktvoller Schauspieler und eben Nachwuchs, weil da noch so viel mehr zu entdecken ist.

Herzlichen Glückwunsch, lieber Fabian, zum Alfred-Kerr-Darstellerpreis!



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